Mo 19. März 2018 19:30

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Am Ende wenig überraschend wurde bei der diesjährigen Berlinale zum ersten Mal ein Dokumentarfilm mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet: "Seefeuer - Fuocoammare" von Gianfranco Rosi trifft den Zeitgeist perfekt, beschreibt er doch das dramatische Schicksal von Flüchtlingen vor und auf der Mittelmeerinsel Lampedusa, was allerdings ganz und gar nicht der einzige Grund ist, diese präzise beobachtete Dokumentation zu schätzen.

Vor ein paar Jahren war die italienische Mittelmeerinsel Lampedusa noch das Symbol für Flüchtlinge, die mit teils kaum seetüchtigen Booten versuchten, die nur 130 Kilometer von der afrikanischen Küste gelegene Insel und damit das große Ziel Europa zu erreichen. Momentan steht zwar eher die Balkanroute im Mittelpunkt der Flüchtlingsströme, doch auch der Strom der Bootsflüchtlinge im zentralen Mittelmeer reißt nicht ab.

Über sie wollte der italienische Regisseur Gianfranco Rosi eine kurze Dokumentation drehen, doch dann blieb er über ein Jahr auf Lampedusa, lernte die Einheimischen kennen und bekam erst durch diesen langen Aufenthalt den Zugang, der diesen Film ermöglichte. Es überrascht dann auch wenig, dass "Seefeeuer" zu weiten Teilen die Bewohner Lampedusa porträtiert, deren Leben scheinbar völlig unbeeinflusst von den Flüchtlingen abläuft. Im Mittelpunkt steht dabei der neunjährige Samuele, der seine Zeit damit verbringt, Steinschleudern zu bauen, mit Knallkörpern Kakteen zu sprengen und anderen Blödsinn macht, den Jungs in seinem Alter eben so machen. Sein Vater ist Fischer und auch Samuele wird wohl in ein paar Jahren zur See fahren, doch einen direkten Bezug zu den Flüchtlingen, die regelmäßig auf seiner Insel landen, hat er keinen. Und genau das mag der Punkt sein, den Rosi hier macht: Geradeso wie für den durchschnittlichen Europäer das Leben seinen gewohnten Gang nimmt, genau so ist es selbst auf Lampedusa, in unmittelbarer Nähe der Flüchtlingsströme möglich, wenig bis nichts von den Nöten Anderer mitzubekommen.

Italien 2016, Regie & Buch: Gianfranco Rosi, 108 Minuten, FSK 12